Pressestimmen-Artikel

Zeitzeugen aus Graslitz erinnern sich

Flucht vor 70 Jahren: Erzählnachmittag des Geschichtsvereins Karlstein stößt auf großes Interesse

„Für mich war die Vertreibung ein Glücksfall und ein Segen“, sagt Willi Neumann aus dem Karlsteiner Ortsteil Großwelzheim und erklärt: „Wo ich hingekommen bin, war die Tür offen.“ Als der 1936 im Egerland Geborene per Zufall für die Großwelzheimer Fußballmannschaft einsprang und auch noch den Siegtreffer erzielte, war das Glück des Jungen nicht zu toppen: „Da war ich in Welzem der King!“ Auch Rudolf Scherbaum verkündet mit fester Stimme: „Dettingen war für mich ein Hort des Friedens. Graslitz ist meine Heimat, Dettingen ist mein Zuhause“, meint der 1930 Geborene, der mit 16 Jahren von zu Hause vertrieben wurde.
Neumann und Scherbaum sind zwei von insgesamt sieben Zeitzeugen, die am Sonntagnachmittag im Rudolf-Wöhrl-Pavillon auf Einladung des Geschichtsvereins Karlstein berichten. Ihre Erlebnisse schildern sie zum Thema „70 Jahre Flucht und Vertreibung Sudetendeutscher aus dem Landkreis Graslitz“, heute Tschechische Republik.
Bereits vor zwei Jahren hatte der Verein zu einem Erzählnachmittag eingeladen. Der Vortragsraum im Heimatmuseum war damals viel zu klein, um dem Publikumsansturm Herr zu werden. Doch am Sonntag kann Vorsitzender Wolfgang König zufrieden in den Saal schauen. Die 85 Besucher haben alle einen Sitzplatz erhalten, der Pavillon ist an beiden Längsseiten mit Leihgaben des Heimatmuseums der Graslitzer, dem Schönborner Hof, bestückt worden. Die Dokumente, Postkarten, feinen Stickereien oder Landkarten wecken das Interesse der Besucher.
Als Alfred Brand, Helmar Kühnl und sein Sohn Michael das Graslitzer Lied „Auf der Barch (dem Berg), da ist’s heut‘ lustig“, spielen, singen viele Leute mit und die ersten Tränen purzeln. Ein emotionaler Nachmittag von zweieinhalb Stunden steht bevor. Doch es ist eine enorm wichtige Veranstaltung, betont König, denn „in einigen Jahren wird keiner mehr etwas erzählen können“.
Um die Erinnerungen zu bewahren, werden Ton- und Bildaufnahmen gemacht.
Den Anfang der Zeitzeugen, die Organisator Franz Biller kurz vorstellt, machte Maria Sattler, die als Neunjährige die Aussiedlung erlebte und darüber Aufzeichnungen gemacht hat, aus denen sie vorlas. „Die Kindheit war plötzlich zerbrochen“, hieß es da. Als die Familie im 2000 Einwohner zählenden Ort Dettingen ankamen, waren dort bereits 300 Flüchtlinge. „Wir waren bettelarm, aber frei“, erinnert sie sich dankbar.
Sonja Herzog liest eine Geschichte von Ernst Braun und Helga Oster Kindheitserinnerungen ihrer Schwiegermutter vor, Helmar Kühnl spricht davon, dass seine Erinnerungen „wie eingebrannt“ sind. Er weiß noch genau, wie er als Dreijähriger von seinem aus dem Krieg heimkehrenden Vater auf den Arm genommen wurde und dieser weinte. Der Dettinger Emil Hofmann betrieb damals eine Gaststätte, in der sich die Graslitzer trafen, Skat spielten oder musizierten. „Die Heimatvertriebenen waren für Dettingen und Großwelzheim ein Segen – kulturell, wirtschaftlich und auch menschlich“, ist er überzeugt. Schmunzelnd erzählt Hofmann, wie er sich damals den Graslitzer Dialekt und auch eine Graslitzer Identität zugelegt hat, um so noch mehr besser mit den Heimatvertriebenen babbeln zu können…

Artikel im Main-Echo von Doris Huhn, erschienen am 26. Januar 2016

Zurück